Ich habe mittlerweile eine Routine…

Ich war auf einem Festival in Augsburg und ich bin heute immer noch so traurig darüber, was passiert ist. Wir waren bei einem der Main Acts und ich bin großes Fangirl - hatte mich schon so lange drauf gefreut! Wir standen also in der Menge - hinter uns eine Gruppe Jungs. Es war warm und ich hatte ein Häkeltop an, das hinten mit einer Schlaufe zusammengehalten wurde, weil ich schon wusste, dass sowas oft als Einladung wahrgenommen wird und habe mich schon mit einem Doppelknoten abgesichert. Schlimm genug da in Vorab-Gedanken schon vor dem Festival dran zu denken. Als Frau ja aber traurige Routine… Natürlich hab ich getanzt, natürlich hab ich meinen Körper bewegt und auf einmal fängt einer der Jungs an sehr eng an mir zu tanzen. Zu Beginn wollte ich das noch ignorieren. Irgendwann kamen Stöhngeräusche der ganzen Gruppe dazu. Als ich ihn wegdrücken wollte und meinte „hey tanz gerne aber das ist mir -

Das ist mir zu eng“ (noch in Gedanken, ich will ihn nicht verurteilen, vielleicht hat er einfach auch keinen Platz) kam als Entgegnung „jetzt stell dich nicht so an - du hast quasi nichts an - du willst das doch so“ - ich war einfach nur shocked. Die Endorphine der Musik haben mich das aber im ersten Moment verdrängen lassen. Natürlich ging es weiter - sie wollten mein Oberteil öffnen und sprachen laut und deutlich darüber, dass sie mich nackt schon nehmen würden…

Ich bin grundsätzlich mega aware wie sehr sexuelle Belästigung unseren Alltag schmälern kann, wie viel wir Frauen akzeptieren, um uns nicht klein machen zu lassen - einfach weil man sich den schönen Moment in einer Bubble wahren möchte, die nicht durch Bedrängnis und verbalen Ekel platzen soll.

An dem Abend haben sie mir aber trotzdem so viel durch ihre sich gegenseitig aufgepushte Gruppendynamik genommen. So viel Leichtigkeit, Sicherheit und Glanzmomente durch Handlungen überschattet - die es einfach nicht bräuchte.

Zu der Jungsgruppe gehörte auch ein Mädchen - am Ende kam sie zu mir und hat sich für ihre Freunde entschuldigt. Sie konnte das auch richtig einordnen und hat sehr wohl verstanden, dass es nichts bringt mir zu sagen, dass sie sonst nicht so sind und, dass sie sich für ihre Freunde schämt. Mir war wichtig auch ihr zu zeigen - deine Freunde können ja nett sein - aber ihr Verhalten war einfach respektlos und scheiße. Da musst du als Frau nicht Partei ergreifen und die Taten deren relativieren die im Einzelnen oder ohne Alkoholeinfluss eigentlich ja recht passabel sind. Die Jungs selbst müssen begreifen, was sie mir in dem Moment genommen haben. Ich würde mir wünschen, dass sie heute aufgewacht sind und reflektieren, woher sie denken, das Recht zu haben, andere Menschen so zu behandeln.

Neu für mich war - ich selbst wurde schon oft sexuell belästigt und bedrängt: Ich hab mittlerweile eine Routine wie ich mit diesen Situationen umgehe. Ich schweige auch nie und wende mich an Umstehende, soweit das möglich ist. Das bin ich mir selbst schuldig, finde ich. Aber was mich so schockiert hat - ich war garnicht mal so schockiert von der körperlichen und verbalen Belästigung. Ich war mehr übermannt davon, dass ich mir einen Moment nehmen lassen musste, weil irgendwann mal eine gesellschaftliche Ordnung entstanden ist, die gewissen Menschen weiß gemacht hat - ihr gehört zum „stärkeren“ Geschlecht und euch steht das zu, dem anderen Geschlecht was zu nehmen.

Weiter
Weiter

Er fragte leise ob wir das Kondom weglassen wollen