“Meistens reicht eine kleine Nachricht”

„Missbrauch fängt da an wo DU ihn empfindest.“ Das hat mir meine Psychologin bestimmt 100 mal gesagt, aber so richtig verinnerlicht habe ich es bis heute nicht. 

„Es gibt doch so viel schlimmeres, alleine in meinem engsten Freundeskreis, und mir geht es doch super!“ Das war meistens meine Antwort. Ich saß auf dem grünen Sessel ihr gegenüber, wieder ein Kilo leichter als 6 Tage vorher. Die Zwangseinweisung hing schon seit Wochen in der Luft, aber ich habe damals nicht gesehen, dass es mir überhaupt nicht gut ging. 

Auch heute sage ich immer zu jedem „Ich bin froh, dass ich nie sexuelle Gewalt erfahren habe.“ Dabei ist das eine Lüge. Es waren ’nur‘ Berührungen über den Anziehsachen, ’nur‘ Worte und ’nur‘ Machtspiele, aber ich war zwischen 4 und 6 Jahre alt und der andere Beteiligte war mein Turntrainer. 

Auch später, war es doch ‚einvernehmlicher‘ Sex, schließlich bin ich doch schon lange mit ihm zusammen und ich habe ja nicht gesagt, dass ich keinen Sex haben möchte.

Irgendwie will ich nicht wirklich zu der ‚Gruppe‘ der Menschen gehören die sexuelle Gewalt erfahren haben, weil ich Angst habe stigmatisiert zu werden als ‚Opfer‘, als ’schwach‘, als ‚wertlos‘. Mit den Jahren und der Therapie habe ich verstanden, dass keiner aus meinem Umfeld mir diese Stempel gibt, sondern nur ich. 

Ich habe immer alles mit einer gewissen Doppelmoral bewertet. Mein Umfeld hat immer den Platz eingeräumt bekommen der notwendig war um Geschehenes zu verarbeiten, aber mir selbst gegenüber habe ich mir genau diesen Raum nicht gestattet und auch heute tue ich das nicht ausreichend. 

Am meisten werfe ich mir heute vor, dass ich mir genau diesen Platz nie eingeräumt habe, aber das ist genauso falsch. 

Heute verstehe ich aber warum ich oft als kalt und unnahbar beschrieben werde bevor man mich kennenlernt. Ich habe diesen Schutz als Kind gebraucht und das ist auch vollkommen okay. 

Ich habe eine Bitte an Euch alle da draußen. Wenn ihr jemandem in eurem Umfeld habt dem es nicht gut geht, bietet euch an, meistens reicht eine kleine Nachricht. Eure Aufgabe ist es nicht Schritte einzuleiten, sondern eure Unterstützung anzubieten bei den Schritten die die betroffene Person gehen möchte. Hierbei ist es egal was ihr für richtig haltet, es ist egal was ihr denkt wie ihr gehandelt hättet. Es geht nicht um euch. 

Danke fürs lesen  

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„Wenn ich jetzt bewusstlos werde, ist es wenigstens vorbei“

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„Ich werde vielleicht immer extra vorsichtig sein“