Kategorien
Allgemein

Mein Yogalehrer

Ich habe vor einigen Jahren einen einwöchigen Yogakurs gemacht, der ziemlich intensiv war. Zu der Zeit ging es mir nicht sehr gut und Yoga und Meditation waren für mich etwas, das ich ausprobieren wollte um Techniken zu finden, im Alltag gesünder und ruhiger zu sein. 
An mehreren Tagen im Kurs weinte ich (ich stand unter Stress und anspruchsvolle körperliche Übungen brachten dann quasi das Fass zum Überlaufen).
Am letzten Tag sprach der Yogalehrer mich darauf an, dass ich offensichtlich so viel Leid in mir trüge und er mir gerne helfen wolle. Wenn ich Interesse habe, solle ich nachmittags wiederkommen.
Ich erwartete irgendwas in Richtung Atemübungen und Meditation und war neugierig.
Ich war dann nachmittags mit ihm alleine in der Halle, wo der Kurs stattfand. Was er mit mir machte beinhaltete viele Berührungen, die immer intensiver wurden. Ich merkte, dass meine Grenzen langsam verschoben wurden aber konnte nicht fassen was passierte. Er sprach mit mir über meinen Schmerz und gab mir “Ratschläge”. Ich weinte und er berührte mich. Letztendlich lag er auf mir drauf, war stark erregt und fragte mich ob ich einen Schritt weitergehen wollte. Ich war auf einmal sehr bei mir und sagte “Nein”. Er ging von mir runter, ich ging wie in Trance zum Klo und sammelte mich.

Danach sprachen wir miteinander. In seinem spirituellen Sprech fragte er mich, wie die “Erfahrung” für mich war und ob ich was hätte mitnehmen können. Er erklärte mir dass es eine Art spiritueller Heilung sein sollte. Ich solle in den nächsten Tagen mit niemandem darüber sprechen und viel Wasser trinken, kein Fleisch, kein Alkohol.

Ich sagte ihm, dass er mich überfordert habe. Dass er mir Hilfe angeboten hatte, aber nur von mir nehmen wollte. Dass ich mit dieser Form von “Spiritualität” nichts anfangen kann. Er hörte geduldig zu und stellte nachfragen. Er sagte: “I asked you and therefore it’s not rape.” Das kickte mich ziemlich in die Realität und ich realisierte was grade passiert war und weiter hätte passieren können.

Auf meine klaren Worte reagierte er wiederholt mit der Bitte diese Situation nicht öffentlich zu machen.

Ich brauchte sehr viel Zeit und viele Gespräche um diese auf vielen Ebenen verstörende Erfahrung einzuordnen. Zeitweise habe ich mich selbst drüber lustig gemacht. Vor kurzem habe ich mich an eine Beratungsstelle gewandt. Wenn ich die Situation beschreibe schwitzen meine Hände und mein Kopf dreht sich, aber ich sehe es als einen riesigen Fortschritt an, dass ich darüber reden kann und überhaupt wahrnehmen kann, wie sehr ich verletzt wurde.
Ich bin allen Freund*innen sehr dankbar, die meine Erfahrung verstanden und ernstgenommen haben.

Ich habe mich selbst nie als eine Person gesehen, der das passieren könnte und trotzdem ist es passiert, weil meine Verletzlichkeit ausgenutzt wurde. Ich möchte, dass andere Menschen da auf sich aufpassen.