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„Ich werde vielleicht immer extra vorsichtig sein“

Wenn man sich als Erwachsener zurück erinnert an die ersten Momente die man wirklich bewusst wahrgenommen hat, dann sind das meistens kleine Momente. Das erste Mal als ich den Kindergarten betreten habe. Das erste Mal als ich im Kindergarten belohnt wurde. Das erste Mal als mich eine Biene gestochen hat. Das erste Mal als mich jemand im Sandkasten geschubst hat. Ich sehe das alles, aber da ist noch etwas. Lange Zeit ganz tief vergraben unter ganz viel Scham. Wenn ich zurück denke, dann sehe ich IHN (m, anfang 40). Wie er mich abholt und meine Eltern winken. Ich freue mich, weil ich ein Kind bin und nicht weiß, dass das was passieren wird nicht normal ist.

Dass man als Kind sexuell missbraucht wurde, ist einem im seltensten Fall bewusst, wenn es passiert. Erst später, wenn die Leute in der Schule nicht die gleichen Erfahrungen gemacht haben wie man selbst oder, wenn man von den Eltern gewarnt wird, vor Menschen, die genau das machen was einem passiert ist, wird einem klar, dass da was nicht stimmt. Mit neun habe ich angefangen darüber nachzudenken, was mit mir passiert, wenn ein bestimmter Verwandter nach der Schule auf mich aufpasst. Das sind 4 Jahre. 4 Jahre an gesammelten Erinnerungen über Berührungen, Genitalien, raue Männerhände und immer wieder die gleichen Worte “Unser Geheimnis”. Ein Verwandter, jemand dem meine Eltern vertraut haben, jemand dem ich vertraut habe. Jemand von dem man nicht denken würde, dass er es war, weil er nett war. Lustig. Frauen fanden ihn schon immer attraktiv und wieso sollte sich so jemand also an einem Kind vergreifen? Jemand mit Familie, einer schönen Frau, eigenen Kindern und einer erwachsenen Geliebten. Unser Geheimnis. Daran erinnere ich mich noch. Ich erinnere mich nicht mehr wie es angefangen hat, aber manchmal, wenn ich Nachts nicht schlafen kann, oder zu viele Gedanken in meinem Kopf herum schwirren, dann überlege ich mir wie vorsichtig er gewesen sein muss. Wie angestrengt er vor meinen Eltern so aussehen musste, als ob es ihm nicht unglaublichen Spaß bereitet mit mir “Hoppe, hoppe, Reiter” zu spielen. Wahrscheinlich hat es ihm körperliche Schmerzen bereitet nicht über meine Beine zu streichen, wie er es gemacht hat, wenn wir alleine waren. Meine schöne weiche Haut. Männer sagen das zu mir. Es ist ein Kompliment. Ich liebe es wenn man das zu mir sagt, weil ich weiche Haut habe. Männer sagen das zu mir, seit ich denken kann. Das mag ich nicht. Meine Haut hat so eine schöne Farbe, Karamell, Cappuccino, Milchkaffee, Kaffee Schokolade. Rate welche Dinge ich ekelhaft finde. Karamell, Cappuccino, Milchkaffee, Kaffee Schokolade. Ich hasse Männerparfüm. Nicht alle, aber diese schweren Gerüche die einem in der Nase hängen, auch wenn der Mann schon seit Stunden nicht mehr da ist. Ich hasse Motorräder und ich hasse Fila Sportjacken. Ich hasse Männer mittleren Alters, Harrison Ford, Alec Baldwin – Er sieht so ziemlich genau aus wie Alec Baldwin – schon immer. Ich hasse die Frage nach meiner restlichen Familie und ich hasse wie das Leben für mich sein musste.

Zurück zu meinem neunjährigen Ich. 13 Jahre in der Vergangenheit, als mir gerade erst klar geworden ist, dass es nicht okay ist mit einem erwachsenen Mann zusammen im Bett Mittagsschlaf zu machen. 13 Jahre in der Vergangenheit, als mir klar wurde, dass es nicht normal ist, dass ich so selten etwas anhabe, wenn er auf mich aufpasst. 13 Jahre zurück zu einem Mädchen das mit 9 lernen musste was es bedeutet sich für sich selbst zu schämen. Ich habe lange gebraucht bis ich meinen Eltern sagen konnte was mich daran stört zu ihm mitzugehen. Ich habe mich geschämt dafür, dass ich nicht früher was gesagt habe. Geschämt, weil man sich eben schämt, wenn man gerade etwas ganz komisches über sich selbst gelernt hat. Zusätzlich zu dem Scham hatte ich furchtbare Angst. Ich wollte nicht, dass meine Eltern sauer sind auf mich. Weil ich nichts gesagt habe. Weil ich mich ausgezogen habe, wenn er das wollte. Ich habe mich anfassen lassen. Ich habe ihn angefasst. Alles in mir schreit jetzt “Ich dachte das ist normal”, aber damals hatte ich so fürchterliche Angst, dass ich Ärger bekomme, am besten noch vor meinen Schwestern. Ich habe mich doch eh schon genug geschämt. Irgendwann konnte ich es nicht mehr für mich behalten. Warum wollte ich plötzlich nicht mehr zu ihm? Warum weinte ich plötzlich, wenn ich zurückkam? Warum sperrte ich die Türen zu, wenn sein Besuch angekündigt wurde.

“Mama, wenn ich bei ***** bin muss ich mich immer ausziehen.” “Mama, wenn ich bei ***** bin muss ich sein Dings anfassen.” “Mama, wenn ich bei ***** bin muss ich mich auf ihn setzen.” “Mama, ***** ist komisch.”

Ich hab kein Wort rausgebracht. Ich hab sie angeschaut, wollte etwas sagen und hab nur noch geweint. Lange lange geweint. Der ganze Scham, die Wut und die Angst kam plötzlich aus mir heraus. Da wusste sie es. Ich hab nicht in ihre Augen geschaut, aber ich habe gemerkt wie sich ihre Finger plötzlich ganz anders angefühlt haben. Ich hab gemerkt, wie sie mich plötzlich fester gehalten hat. Ihr Baby. Als ich endlich in ihre Augen schauen konnte waren sie so traurig. Bis heute fühle ich mich schlecht. Wäre ich stärker gewesen, hätte ich mehr Durchhaltevermögen gehabt, es einfach über mich ergehen zu lassen, hätte ich sie davor bewahren können diesen Schmerz zu fühlen. Niemand will der Grund sein aus dem Mama weint.

Irgendwann hat sie mir gesagt ich soll hochgehen, in mein Zimmer. Kaum habe ich die Tür zu gemacht hörte ich sie nach meinem Papa rufen. Schreien. Weinen. Gläser zerschlagen. Dann die Tür zum Gang. Dann die Tür zu meinem Zimmer. “Schau mich an”, hat er gesagt. Also tat ich es. Still, stumm, einfach nur angestarrt. Verschämt, verängstigt und voller Schuldgefühle. Das erste Mal, dass ich meinen Papa weinen gesehen habe. Noch mehr Schuld. Wieso? Wieso? Wieso? Viele Stunden voller Fragen folgten. Viele Male wurde mir gesagt ich habe an gar nichts Schuld. Für mich war das anders. Ist das anders. Das ist eine Art der Schuld die man nie los wird. Eine Art der Schuld die sich ganz leise anschleicht und einen übermannt, wenn man es am wenigsten erwartet. Seine Frau ließ sich scheiden, die Polizei wurde eingeschalten. Meine Geschwister und seine Kinder erfuhren nichts. Es war schwer mit der Polizei zu reden. Ein Mann mittleren Alters und eine jüngere Frau. Ironisch. Er war nett, aber welcher Mann mittleren Alters war nicht nett zu mir. Die Frau war nett, aber irgendwie kam es mir nicht vor als ob sie mir wirklich glaubte. Zumindest anfangs nicht. Erst als die Fragen detaillierter wurden. Vorlieben, bestimmte Körpermerkmale, Behaarung, bestimmte Momente, bestimmte Grenzen. Die Erkenntnis in ihren Augen, die darauf folgende Wut. Kein Kind denkt sich so etwas aus. Kein Erwachsener sollte diese Erinnerungen in einem Kind platzieren. Die Erkenntnis. Der Schock. Die Wut. Dieser Stille Moment, wenn keiner weiß was man sagen soll. Es sind 13 Jahre vergangen seit ich das wieder gesehen habe. Ich habe es Freunden erzählt. Die gleiche Reaktion. Ich habe es zum ersten Mal einem Mann erzählt. Es wurde Zeit. Mir ist klar geworden, dass es mich kaputt macht es niemandem zu erzählen. Es macht mich kaputt mich weiter zu schämen. Zum ersten Mal in meinem Leben hab ich das Gefühl, dass ich alles von mir zeigen kann. Alle Ängste, alles Sorgen, alle Gefühle.

Heute habe ich vor vielen Dingen Angst. Ich finde es ganz furchtbar berührt zu werden. Meine Freunde finden mich komisch deswegen und ich kann Sex nie wirklich genießen. Sobald jemand seine Finger benutzt muss ich an frühere Momente denken und ekle mich vor mir selbst. Ich habe Angst vor Umarmungen aus denen ich mich nicht rauswinden kann. Natürlich könnte er jederzeit auftauchen und dieser Gedanke macht mir Gänsehaut. Menschenmengen, Fremde, Unordnung und fehlende Kontrolle, all das macht es mir schwer. Ich habe lange gebraucht bis ich mich wieder irgendwo Zuhause gefühlt habe.

Gleichzeitig habe ich aber auch Verlustängste entwickelt. Es ist schwer zu verstehen, aber für mich hatte diese Person auch eine Bezugsrolle. Ich mochte ihn. In meiner kindlichen Dummheit konnte mein Herz nicht unterscheiden zwischen Freund und Feind, das musste ich erst später lernen. Deshalb war es schwer, als er so plötzlich nicht mehr Teil meines Lebens war. Ich war ein Kind und verlor einen meiner besten Freunde. Jemanden der immer da war, wenn ich jemanden gebraucht habe. Heute habe ich ständige Angst jemanden so plötzlich zu verlieren, egal wie derjenige mich vorher behandelt hat. Ich kann nie sagen, wenn ich ein bestimmtes Verhalten nicht mag, oder wenn jemand mich verletzt hat, weil das denjenigen möglicherweise von mir abbringen kann. Also gebe ich mir extra Mühe Menschen in meinem Leben zu behalten, auch wenn diese einen schlechten Einfluss auf mich haben, oder meine Art ausnutzen.

Für ihn hatte die ganze Sache keine Konsequenzen.

Die Polizei konnte nichts tun. Es gab keine Beweise und ich wollte nicht in einem Gericht aussagen. Meine Eltern wollten mich nicht zwingen. Er zog weit weg und ich habe ihn seitdem nur einmal durch Zufall getroffen. Der Schock ihn zu sehen lag mir lange in den Knochen. Verfolgt mich vermutlich wie alles andere mein Leben lang. Nach all den Jahren ist mir klar, dass die Schuld nie weggehen wird. Ich werde immer das Gefühl haben meine und seine Familie zerstört zu haben, weil ich etwas gesagt habe. Ich werde immer das Gefühl haben, dass ich so vielen Menschen Schmerzen bereitet habe. Das kann mir keiner nehmen.

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich bereit mich lieben zu lassen. Ohne zu schauen was derjenige macht. Ohne Flashbacks. Ohne Panik. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich bereit dafür, dass es mir gut geht.

Ich werde vielleicht immer Angst haben um meine Geschwister, Kinder, Nichten und Neffen. Ich werde vielleicht immer Panik haben, wenn ich dieses eine Parfüm rieche und ich werde vielleicht immer Probleme
haben ganz nackt einzuschlafen. Ich werde vielleicht immer Angst in der Dunkelheit haben. Ich werde vielleicht nie Männern mittleren Alters vertrauen können. Ich werde vielleicht immer extra vorsichtig sein. Ich werde vielleicht immer Schuldgefühle haben. Aber vielleicht auch nicht.

Was ich damit sagen will ist, dass es jeder sein kann. Nicht nur Männer auch Frauen, nicht nur Fremde auch Verwandte oder Freunde oder Partner. Die Welt sicherer machen, zusammen.