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Die Macht der Blicke

Die Macht der Blicke

Eines Abends sind meine Freundin und ich spazieren gewesen. Wir haben uns auf eine Bank gesetzt und uns geküsst, als ein Mann an uns vorbei zu seinem Auto lief. Wir rückten automatisch auseinander. Er schaute uns an mit diesem Blick… wir rührten uns nicht und warteten. Er starrte uns weiter an, wir starren zurück. Meine Freundin sagte ihm, dass er weggehen solle. Er grinste uns ganz offen und ungerührt an und bewegte sich dann in Zeitlupe zu seinem Auto. Er wartete noch einige Minuten, dann fuhr er endlich weg.

Ein anderes Mal wurden wir am U-Bahnsteig von einem Mann begafft, der dann eng an uns vorbeilief, obwohl rund herum Platz war. 

Wieder ein anderes Mal waren wir auf dem nächtlichen Weg nachhause. Vor uns lief ein Mann. Er bemerkte uns. Aufgrund unserer Erfahrungen ließen wir uns zurückfallen und blieben alle paar Meter stehen. Jedes Mal, wenn wir stehen blieben, blieb auch er stehen. Er schaute uns an und fing an zu schmatzen. Es fühlte sich an wie Stunden, bevor er endlich weiterlief.

Diese kleinen Erlebnisse scheinen auf den ersten Blick vielleicht nicht bedeutsam, sie wirken jedoch beängstigend, insbesondere aufgrund ihrer Häufigkeit. Wir überlegen uns mittlerweile zweimal, in welchen Wagon der U-Bahn wir steigen, schauen ganz genau, wer um uns herum auf der Straße unterwegs ist…

In den letzten Monaten gab es weniger Vorfälle. Man war weniger draußen, es gab wieder strengere Coronabeschränkungen usw. Im Vergleich dazu kann ich sagen, dass im Sommer wirklich jeden Tag irgendein Kommentar oder Ähnliches kam. Es fühlt sich jedes Mal so an, als würden Fremde von außen in unsere Beziehung eindringen. Sie geben uns ein ungutes Gefühl oder machen uns sogar Angst. 

Diese Art der Aneignung durch Männer erleben wir oft.

Meine Freunde und Freundinnen in heterosexuellen Beziehungen müssen sich über die Art von sexueller Belästigung weniger Sorgen machen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass meine Freundinnen sich tendenziell sicherer fühlen, wenn sie mit ihren „Boyfriends“ unterwegs sind, weil Männer sie in deren Gesellschaft in Ruhe lassen. 

Gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Frauen dagegen werden nach wie vor viel zu oft von Männern sexualisiert und das hinterlässt Spuren.