„Wir haben die Polizei gerufen…“

Leider haben momentan die Fitnessstudios geschlossen. Aus diesem Grund machen wir ab und zu draußen Sport. Meine drei Freundinnen und ich gingen zum Lietzensee und machten dort eine kleine „Sportsession“. Man würde meinen sich im gut-behüteten Charlottenburg sicher fühlen zu können. Nach ungefähr einer halben Stunde liefen zwei Männer an uns vorbei. Einer von ihnen war ein Mann mittleren Alters, der andere war wahrscheinlich Anfang 20, vielleicht sogar jünger. Jedenfalls entsprach sein Aussehen etwa unserem Alter. Beide blieben stehen und guckten uns an, wie wir Sport machten. Mir war das sehr unangenehm, also machte ich meine Freundin darauf aufmerksam. Beim nächsten Augenkontakt fragte sie “Gibt es hier etwas zu sehen?”. Er antwortete mit energischem Ton, nachdem er einen Moment seinen Blick in eine vergraulende Mimik, gekrümmter Mundwickel, faltige Nase, änderte, “Halt’s Maul, Kleine”. Meine Freundin und ich sagten ganz ruhig und freundlich zu den beiden, dass sie doch bitte weitergehen sollen, da wir gerne ungestört Sport machen wollen würden. Er begann uns anzuschreien, die Aggressionsskala stieg rasant an – wir sollen unsere Fressen halten und haben ihm nicht zu sagen, wo er stehen darf und wo nicht. Wir vier haben uns sehr erschrocken, hätten niemals mit so einer Antwort gerechnet, vor allem da wir mit großer Mühe einen ruhigen, respektvollen Ansatz suchten. Eine Freundin sprach auf und fragte ihn, ob er nichts besseres zu tun hätte, als sich mit vier Mädels anzulegen. Es liefen konstant Menschen vorbei, jedoch blieb bis auf ein älterer Herr keine Person stehen – alle starrten hin, es war ja schließlich was zu sehen. Eine von uns fragte ihn: “Meinst du wirklich, dass du ein Vorbild bist für ihn?” Und zeigte dabei auf den jüngeren Typ. Der Junge schmunzelte eher und der Mann meinte wieder, wir hätten ihm nichts vorzuschreiben – auch in pädagogischer Hinsicht nicht. Nach weiteren Beleidigungen wie “Fotze”, “Schlampen”, “Hure” – das übliche eben – sagten wir die nächsten fünf Minuten nichts und warteten, ob die beiden vielleicht weitergehen würden, wenn wir genauso trotzig seien. Aber so war es nicht. Der Mann schrie uns weiter an und wurde extrem aggressiv. Ich hatte einen krassen Adrenalinkick und im selben Moment empfand ich große Angst. Mein Herz hat gerast. Wir standen ungefähr 5 Meter von den beiden entfernt. Als er anfing in seiner Rage uns näher zu kommen, spielte ich mit dem Gedanken, dass ich mich mit jedem näheren Schritt bereit machen würde weg zu laufen.Eine Freundin flüsterte, wir sollten doch einfach gehen, damit wir nicht noch mehr Stress bekommen. Zudem ist er diesen Stress nicht wert. Aber wir wollten uns nicht den Platz wegnehmen lassen, nicht so. Also rief ich die Polizei. Wahrscheinlich hat der Mann gesehen, dass ich telefoniert habe, denn er wurde noch aggressiver in seinem Ton. Er schrie mich an: “Du Fotze, du bist eine richtige Schlampe. Hol doch deinen Vater, er wird es bereuen, du Hure.” Diese Aussage wiederholte er immer wieder.Nach einem kurzen Moment in der Warteschlange der 110 (!), kündigte die Polizei an, dass sie jemanden schicken würden. Jedoch rief ich nach einem kurz vergangenem Moment erneut an, um zu warnen, dass er immer aggressiver wird und wir Angst bekommen – Angst, dass er mehr als nur verbal gegen uns hetzt. Er rief „Pass nur auf. Du begehst einen Fehler. Ich mache mich bereit. Dein Vater wird es so bereuen. Ich komme gleich wieder.” Mit diesen Worten verschwanden die beiden hinter einem Gebüsch, da ihnen der öffentliche Weg wahrscheinlich zum schamvoll erschien. Einige Minuten später kam die Polizei. Wir schilderten genau was geschah und zeigten ihn an – Anzeige gegen Unbekannt. Wie würden wir ihn identifizieren können, wenn wir jedoch den Lietzensee von nun an vermeiden werden? Wenn wir uns fern halten möchten, um uns zu schützen? Meine Freundin sagte, dass sie so gehofft hat, dass er sie doch geschubst hätte, doch geschlagen, doch näher gekommen wäre, in dem Moment, wo die Polizei eintrifft – damit er die Strafe bekommen, die er verdient. Doch er war weg. Die Polizei durchsuchte den Park auch nicht. 


Auf dem Weg nach Hause hatte ich Tränen in den Augen. Vor einem Jahr wäre ich wahrscheinlich in so einer Situation einfach weggegangen. Aber in dem Moment sah ich es einfach nicht ein, dass ich, als Frau, gehen muss. Ich verhalte mich doch angemessen, ich möchte meinen Sport treiben und nicht das Gefühl haben, als sei dies verwerflich oder eine Show für einen Anderen. Nein, wir waren nicht anzüglich angezogen. Es war eiskalt, wir waren verschwitzt mit fettigen Haaren. Aber letztendlich ist es auch egal. Wir dürfen tragen was wir wollen und das gibt niemandem das Recht uns anzugaffen, wie Tiere in einem Zoo – nur, dass wahrscheinlich das Vergnügen an einem sexuellen Lust-Gedanken erscheint. Ich möchte nicht schweigen müssen, weil die Angst überwiegt. Wieso muss ich überhaupt in dieser Angst leben? Natürlich war es auch gefährlich, da der Mann unberechenbar war, schließlich erhöhte sich die Aggression in seiner Stimme, sowie die Anzüglichkeit seiner Worte innerhalb von Sekunden. Aber letztendlich haben wir das getan, was wir nur konnten. Das, was jede von uns tun kann, wenn sie das Gefühl der Angst entwickelt oder beobachtet, dass eine weitere Person in Gefahr sein könnte. Wir haben die Polizei gerufen.