Die Geschichte meiner Oma

Sexualität ist wichtig, und schön. Eine wundervolle Möglichkeit Energie mit Menschen, mit denen ich mich im Herzen verbunden fühle, auszutauschen. Allein der Gedanke an Passion und Liebesausstausch gibt mir täglich Inspiration und Gänsehaut. Wir leben in einer Zeit, in der wir alles im Überfluss haben. Emotionale Extreme sind das einzige, durch was wir uns noch spüren können. Die rastlose Suche nach dem High treibt Menschen dazu, sich ohne Rücksicht auf die Gefühle und potentiellen Traumata der anderen das zu nehmen, was sie sich selber spüren lässt. Für einen kurzen Moment. Die folgende Geschichte ist nicht meine, sondern die meiner Großmutter. An einem Sonntag im Juni sitzen wir am Küchentisch und unterhalten uns. Sie erzählt mir von der Zeit, als sie in meinem Alter war. Ich bohre tief mit meinen Fragen, bin neugierig warum sie so lange in einer aus heutiger Sicht für mich eindeutig ‚toxischen‘ Ehe mit meinem Großvater geblieben ist. In der Beziehung wurde sie misshandelt, geschlagen, betrogen und angeschrien. Sie erklärt ihre Treue mit finanzieller Abhängigkeit, ihrem gemeinsamen Kind, Gewohnheit. All dessen war ich mir bereits bewusst, aber die Antworten stellen mich nicht zufrieden. Was ist davor passiert, frage ich. Was brachte sie dazu, ihren eigenen Wert nicht zu erkennen. Auf den Fotos von früher sehe ich, dass sie eine Frau war, die jeden Mann hätte haben können. Sie lächelt in die Kamera, ein wunderschönes Gesicht mit markanten Zügen, eine kleine gewickelte Bluse und endlos lange schlanke Beine in einer hellblauen Schlaghose. Mein Vater als Kind steht neben ihr und hält ihre Hand. Warum glaubte sie, keinen besseren Lebenspartner verdient zu haben? Ich bohre noch tiefer mit meinen Fragen. Auf einmal fängt sie an schneller zu sprechen, von ihrem 18. Geburtstag. Sie erzählt von einer Tanzbar, Alkohol und einem unbeschwerten Abend mit ihrer Freundin. In der Bar wird sie von einem jungen, gutaussehenden Mann angesprochen. Er fragt ihren Bruder, ob er mit ihr in eine andere Bar weiterziehen dürfe, er bringe sie danach nach Hause. Nach ihrer Meinung wird nicht gefragt. Ihr Bruder stimmt zu und so befindet sie sich nach kurzer Zeit im Auto mit dem Fremden. Sein Interesse an ihr scheint riesig, fast einschüchternd. Sie begleitet ihn mit in die zweite Bar und lässt ein uninspirierendes, einseitiges Gespräch über sich ergehen, bis er sich endlich entscheidet sie nach Hause zu bringen. Wenigstens hat er die Getränke bezahlt, denkt sie sich. Auf der Autofahrt stellt sie fest, dass der Alkohol ihn lockerer gemacht hat, er wirkt nicht mehr so angespannt wie zu Beginn ihres Abends. An einer Stelle fernab von ihrem Zuhause zieht er plötzlich das Auto an den Straßenrand und fässt ihr in den Schritt. Sie wehrt sich, ist ihm aber körperlich unterlegen. Er klettert auf sie und missbraucht sie solange, bis sie sich endlich befreien kann und aus dem Auto stürmt. Sie rennt weinend und ängstlich nach Hause. Als ihr Bruder am nächsten Morgen fragt, wie der Rest ihres Geburtstages verlief, erzählt sie nichts von der Vergewaltigung. Sie schämt sich, fühlt sich schuldig. Sie hätte es nicht soweit kommen lassen sollen. Überhaupt war ihre Bluse zu tief ausgeschnitten, die Jeans zu schmal geschnitten. Sie sieht ihren Vergewaltiger nie wieder. Sechzig Jahre später teilt sie ihre Geschichte zum ersten Mal mit mir unter vier (tränenden) Augen und ich habe endlich das Gefühl, ein wenig mehr zu verstehen. An dieser Stelle ist es mir wichtig zu betonen, dass sexuelle Gewalt allen angetan wird: Kindern, Frauen und auch Männern. Wir leben heute immernoch in einer sexuell aufgeladenen Gesellschaft, da die Sexualität aus den meisten Bereichen unseres Lebens bewusst ausgeschlossen wird. Wer Sex-positive Parties besucht, gilt als pervers, promisk, verrückt. Dennoch merke ich im Gespräch mit meiner Großmutter, welch wundervolle Entwicklung in unseren Köpfen in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Wir sind Aufmerksamer, ’self-care culture‘ auf Social Media weist uns alle täglich daraufhin, wie wichtig es ist, dass man sich selbst liebt und somit ein Auge dafür entwickelt, welche Partner uns unserem Wert entsprechend behandeln. Wir setzen Standards, unter diesen Standards läuft nichts. Ich hoffe, dass dies nur der Anfang ist.